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Presse - Kritiken
Eigenproduktion: Emma in love
Der Fall ist abgehakt
Gruppe Dekadenz zeigt "Emma in love" von Mike Bartlett - Eine komischböse realsatire.
Dolomiten von Hugo Seyr
In Jahre 2008, als in Brüssel 736 Abgeordnete des Europäischen Parlaments über die EU-Verordnung zum Krümmungsgrad der Gurke diskutierten, erlebte in London Mike Brtletts "Contractions"ihre Urafführung. In dem Stück, dessen deutsche Übersetzung den Titel "Emma in love" trägt, geht es ebenfalls um die Folgen einer Reglementierungswut. Eine Firme verbietet ihre Angestellten sexuelle oder romantische Beziehungen untereinander. Während der erste Begriff keiner weiteren Erklärung bedarf, werden als romantisch definiert: "Alle Gesten ... Treffen oder Ereignisse, welche in der Absicht, die Beziehung in Richtung Liebe voranzutreiben, verübt werden". Gegen diese innerbetriebliche Regelwerk hat Emma - in der Verkaufsabteilung beschäftigt - verstoßen und wird daher von ihrer Managerin zum "Smalltalk" geladen. Die Verhöre vor dem Führungsoffizier enden in eine Katastrophe. Ihre Persönlichkeit wird zerstört: ihr Privatleben, ihre Beziehung, ihre Familie, ihr Kind. Aber Emma wird wieder klaglos funktionieren: ihre Verkaufszahlen werden wieder steigen, es wird keine Vertragsverletzung mehr geben, Ihre Produktivität für den Betrieb ist gesihert. Die Managerin kann den Fall abhaken. Mike Bartlett legt in seinem Stück die menschenverachtenden Methoden der neoliberalen Wirtschafts-realität bloß. Dass er dabei auch über das Ziel hinausschiesst, kratzt an der Glauwürdigkeit der Handlung. So ist z.B. die Pappschachtel mit der Leiche des Kindes ein dramaturgisch wirksamer Gag, aber es gibt längst weniger makabre Methoden, um an genetische Informationen zu kommen. Auch die von der Managein angedrohten arbeitsrechtlichen Folgen halten einer juridischen Überprüfung nicht stand. Aber am Ergebnis der radikalen Gehirnwäsche und rücksichtslosen Persönlichkeitszerstörung ist nicht zu rütteln. Ingrid Porzner (Regie) lässt auf eine ganz in Weiß gehaltenen Bühne (Petra Richter) spielen, die eiskalte Betriebslogik und emotionale Asepsis ausstrahlt. Während der vielen Szenenwechsel zeigen kurze Videos Bilder aus Emmas Alltag. Dabei bleiben die beiden Schauspielerinnen stets auf der Bühne. Margot Mayrhofer ist eine expressiv sich herausgabende Emma, der es nicht gelingt, die distanzierte Überlegenheit ihrer Kontrahentin zu durchbrechen. In feinen stimmlichen und gestischen Nuancen zeichnet sie die Seelenzustände zwischen dem ersten Gespräch, bei dem noch alles in Ordnung war, und dem letzten nach, bei demwieder alles in Ordnung ist. Dazwieschen liegt die Hölle, die Frau mayrhofer beseelt und ausdruckstark durchschreitet. Ihr gegenüber sitzt Marion Freundorfer als augefuchste Managerin, jeder Zoll Firmeninteresse. Kein Gesichtsmuskel zeigt Anteilnahme, kein Wimpernschlag verrät Mitgefühl. Die Stimme bleibt geschäftsmäßig kühl, das Benehmen korrekt an der Grenze zur Höflichkeit. Als namenlose Managerin seziert sie das Innenleben einer Mitarbeiterin mit der Gründlichkeit einer Erbsenzählerin.Grauer Anzug, Kaffetasse, Notizmappe. Die Frage nach ihrem Familienstand beantwortet sie nicht, auf die zweite nach ihre weiblichkeit folgt nur ein hinterhältig-besorgtes: "Emma, sind Sie in Ordnung?" Hier begegnen sich zwei Schauspielerinnen, die ihre Rollen mit großer Überzeugungskraft von ihnen heraus gestalten. Der Kampf um Macht und Autorität ist entschieden. Die Mänschlichkeit bleibt auf der Strecke. Orwells "Großer Bruder" lässt grüßen.
Im Würgegriff
Die Gruppe Dekadenz zeigt in der Satire „Emma in Love“ von Mike Bartlett auf, mit welcher Rücksichtslosigkeit sich die Bedürfnisse des Einzelnen dem Wohl eines Unternehmens unterzuordnen haben.
von Markus Hellweger
Wie die Dinge so stehn, heutzutage“, heißt es im Stück – der Akzent liegt hierbei auf letzterem Wort –, dem müsse man sich fügen, gilt es zu ergänzen; gemeint ist eine unerbittliche Arbeitswelt, der Aktualitätsbezug ist also offensichtlich. Und wird auch schonungslos auf der Bühne dargelegt. Erneut wagt sich die Gruppe Dekadenz Brixen, diesmal unter der Regie von Ingrid Porzner, an schwer verdaubaren Stoff – und gewinnt. Emma (Margot Mayrhofer), leitende Angestellte mit beneidenswerten Verkaufszahlen, wird von einer Managerin (Marion Freundorfer) desselben Unternehmens zum scheinbar harmlosen Gespräch geladen. In sachlichem Ton erklärt ihr die Managerin, dass innerhalb der Firma sexuelle oder romantische Handlungen, die eine „Beziehung in Richtung Liebe vorantreiben“ untersagt seien. Emma leugnet solche im freundlich distanzierten Ton. Doch sie, die Managerin, habe da anderes gehört, vom verdächtigten Lover, einem Mitarbeiter in einer genauso wichtigen Funktion wie die Beschuldigte. Noch pariert Emma jede Fangfrage zu ihrem Privatleben, aber letztlich muss sie die Affäre eingestehen. Fortan ist Emma angehalten, die Managerin in regelmäßigen Abständen über die Entwicklung der Sache auf dem Laufenden zu halten, alles im Interesse der Firma. In den folgenden Sitzungen entlockt die Managerin Emma immer mehr Details zu jenem Verhältnis, in welchem sich mehr anbahnt als ursprünglich vermutet. Die beiden Betroffenen werden unabhängig voneinander befragt, mit den gewonnenen Informationen treibt die Managerin Emma nach und nach in die Enge. Die Versetzung des Kollegen wird veranlasst, da tut’s nichts zur Sache, dass Emma schwanger ist. Auch wenn die Bilanzen noch stimmen, verliert Emma immer mehr die Fassung. Vielleicht helfe ihr ein klärendes Gespräch mit einem Experten, so die Managerin zynisch, welches schließlich in Form einer Gehirnwäsche jegliche Gefühlsregung in Emma abtötet. Das Stück steht und fällt mit den beiden Darstellerinnen, es ist ganz auf sie konzentriert. Anfangs braucht Mayrhofer noch etwas, um sich in der Rolle wiederzufinden. Doch je mehr Emma gezwungen wird, ihre Abwehrhaltung und somit ihre Persönlichkeit aufzugeben, umso besser gelingt es Mayrhofer, der Verzweiflung schrittweise Ausdruck zu verleihen. Freundorfer hat ohnehin die schwierige Aufgabe, das Stück hindurch die kühle Fassade zu bewahren – das schafft sie meisterlich. Am stärksten sind die beiden in den Momenten, wenn Emma kurzzeitig versucht, das Blatt zu wenden und die Managerin nach ihrem Privatleben befragt. Ein Aufflackern der Überlegenheit auf der einen, ein Durchschimmern der Unsicherheit auf der anderen Seite. Aber die Managerin verharrt eisern in ihrer Unantastbarkeit, die einzige Strategie, welche auch Emma bleibt, um weiterhin auf der unternehmerischen Erfolgswelle zu reiten. Die Preisgabe der Identität wird zusätzlich durch die Sprache im Stück offenbar. Vermeintlich distinguiert, enthält diese die Untergriffe, welche Emma den letzten Rest an Individualität rauben. Übertrieben erscheint lediglich eine ausgegrabene Kinderleiche im Karton. Für das alles schafft die Inszenierung den passenden Rahmen: Eine nüchterne Einrichtung mit modernem Mobiliar in Weiß-Rot (Petra Richter), abgestimmt auf die Kostüme (Sieglinde Michaeler) und mit ansprechenden Videoeinspielungen (Werner Lanz). Das Stück hat kein versöhnliches Ende. Als Zuschauer hat man daraufhin nicht mehr wirklich Lust auf Small Talk. Die Aufführung hat eingeschlagen und damit ihr Ziel erreicht – nicht zuletzt dank der zwei hervorragenden schauspielerischen Leistungen. Und die Dekadenz hat sich einmal mehr als Garant für wirkungsvolles zeitgenössisches Theater erwiesen.
Koproduktion Gruppe Dekadenz-Carmbolage:
leonce und lena
Tageszeitung
von Markus Hellweger
Frust im Wunderland
In einer Koproduktion zeigen die Dekadenz Brixen und die Carambolage Bozen Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“ und lassen darin Shakespeare, Goethe und Brecht um die Ecke schauen.
von Markus Hellweger
Das „Lustspiel“ Büchners trägt seinen Namen hauptsächlich im parodistischen Sinne. Die Ideale vorangegangener Epochen, die den Menschen zu veredeln versuchten (Aufklärung, Klassik, Romantik), verpuffen dabei wie Schall und Rauch – der Mensch bleibt verhaftet in äußeren Konditionen. Dies in einem sehr dichten Text, voller Sprachspielereien und zeitgenössischer Anspielungen; kein leichtes Unterfangen also für Regisseur Torsten Schilling und sein Ensemble. Die märchenhafte Figurenkonstellation und die klassische Einteilung in drei Akte lassen zunächst nichts Irritierendes vermuten. Leonce, Prinz aus dem Reiche Popo, soll nach dem Willen seines Vaters Peter mit der Prinzessin Lena aus Pipi verheiratet werden. Die beiden Königskinder wollen sich dieser Bevormundung entziehen, weshalb sie unabhängig voneinander fliehen – Leonce mit Hilfe des Narren Valerio, Lena steht ihre Gouvernante zur Seite. Sie lernen sich trotzdem kennen und lieben; schlussendlich gibt es aber keinen anderen Ausweg als ihre Verheiratung. Leonce befällt angesichts dieser Vorhersehbarkeit die Langeweile, welche in Todessehnsucht ausartet. Lena muss einsehen, dass sich ihre Flucht weit weniger unterhaltsam gestaltet, als es ihre Abenteuerromane vorgegaukelt hatten. König Peter piepst zusammenhanglos philosophische Begriffe vor sich hin und vergisst darüber das Regieren. Lediglich der Narr Valerio scheint einen kühlen Kopf zu bewahren – freilich, Shakespeare lässt grüßen, auch in diesem Narrenhaus. Was bei Büchner aber eigentlich dominiert, ist der Eindruck von der Sinnlosigkeit menschlichen Handelns. In dieser Produktion verleihen Bálint Walter als Leonce und Sophie Berger als Lena ihren Charakteren zu viel Leidenschaft. Leonce ist ein zu sehr Suchender, ähnlich einem Faust, und Lena das zu naiv-verträumte Mädchen. Büchner zeichnete seine Figuren doch schemenhafter, als die sie am Ende auch entlarvt werden. Und die Rolle der Gouvernante (Ingrid Maria Lechner) gerät hier zum weiblichen Pendant von Valerio. Freier werden auch andere Akzente gesetzt. Ein wesentlicher liegt auf dem komödiantischen Teil, was der Inszenierung nicht schlecht steht. Zum Schießen ist beispielsweise der Auftritt von Sabine Ladurner (glänzt in mehreren kleinen Rollen) und Peter Schorn (besticht ansonsten als König Peter) als tolpatschige Polizeidiener. Valerio ist Hannes Holzer sowieso auf den Leib geschneidert. Richtig gut sind alle zusammen in der finalen Szene, wenn mit dem Abnehmen der Masken die Frage nach der Identität gestellt wird; womit man Büchner als Wegbereiter des absurden Theaters Genüge tut. Hervorgehoben werden noch die sozialkritischen Momente der Vorlage, welche an passenden Stellen vorkommen, auch unter Miteinbeziehung des Publikums, und sich so wirkungsvoll entfalten können. Leicht gekürzt, ist der Text auf Anhieb verständlich; hinzugefügt hat man noch einige Zitate, wie etwa das Antimärchen aus Büchners „Woyzeck“, und versetzt ist das Stück mit Songs, begleitet vom Akkordeon Matteo Facchins, das wie eine Drehorgel klingt, was ebenso an Brecht erinnert. Jeweils einfarbige Kostüme lassen die Schauspieler wie die Figuren auf Spielkarten erscheinen; originell kommen Bauklötze aus weißem Schaumgummi zum Einsatz, welche die Bühne in eine riesige Spielwiese umfunktionieren (Ausstattung von Andrea Kerner). Und am Ende hat man aus dem hintergründigen Lustspiel ein stimmiges Ganzes gezimmert. Gespielt wird noch bis zum 8. Oktober in Brixen, ab dem 14. Oktober macht man in Bozen Halt.
BT: Bálint Walter und Hannes Holzer: Wollen dem Leerlauf etwas entgegensetzen.
Eigenproduktion: wohnen. unter glas
Tageszeitung
Nur Wohnen reicht nicht
Die Brixner Dekadenz zeigt die Dreiecksgeschichte „wohnen.unter glas“ von Ewald Palmetshofer – und fordert damit seine Zuschauer.
von Markus Hellweger
Man verbringt einen Lebensabschnitt zusammen. In einer Wohngemeinschaft. Zwei Mädchen und ein Junge. Kommt sich näher, auch sexuell. Es folgt die unvermeidliche Auflösung, ab einem bestimmten Alter müssen eigene Wege eingeschlagen werden. Selbstverwirklichung unter allen Umständen. Und vom Leben nie genug bekommen. Aber die Sehnsucht bleibt ungestillt. Und dann…eigentlich nichts mehr. Und dann…Wiederholung. Und dann...Sprachlosigkeit. Die Generation 30 plus – als „Generation X“ wurde sie Mitte der Neunziger apostrophiert – materiell abgesichert, dem Hedonismus verfallen, aber ihren Platz in der Welt nicht gefunden, emotional angeschlagen; solche Menschen im vermeintlich „besten Alter“ porträtiert der gefeierte Gegenwartsdramatiker Ewald Palmetshofer in „wohnen.unter glas“, derzeit im Brixner Anreiterkeller unter der Regie von Eva Niedermeiser zu sehen. Jeani (Margot Mayrhofer) lädt ihre ehemaligen Mitbewohner Babsi (Antonia Tinkhauser) und Max (Peter Schorn) zu einem gemeinsamen Abend in einem Hotel. Auf die alten Zeiten sozusagen. Die Absichten sind jedoch andere, tiefer gehende, derer sich die Beteiligten nicht wirklich bewusst sind. Es geht um das Ausloten des eigenen Erreichten. Hat man den Zenith schon überschritten – oder diesen womöglich gar nicht wahrgenommen? Bei allem war da noch ein Liebesgeplänkel zwischen Jeani und Max. Oder doch zwischen Max und Babsi? Aber dann die platonische Variante, „nur kuscheln und so“, wobei Babsi zutiefst unbefriedigt blieb. Zur Not ging’s auch zwischen Jeani und Babsi; Max kann eh nicht abspritzen. Man wähnte das Glück im anderen. Nun versucht man es von neuem, und spielt das Ganze an einem Abend nochmals durch. Dabei treten die Wunden nur stärker zutage. Eigenwillig auch die Sprache. Keine ganzen Sätze; die Wörter kehren wieder; sie versuchen das Innere zu durchdringen; und man redet doch nur am Problem vorbei; wird zuweilen grob („du Arschlochgesicht“); schnappt nach Luft, was seltsame Blüten treibt („maximierte Possibilitäten“); weswegen die Sprache die Verlorenheit der Figuren widerspiegelt. Die Darsteller überzeugen, besonders Antonia Tinkhauser, wenn ihr das „bloße Kuscheln“ zu wenig ist. Das kühle, schlichte Hotel-Mobiliar unterstützt die seelische Entblößung; in bunten Strümpfen und mit Wollmütze wollen die Protagonistinnen das Aufbruchgefühl der Jugendjahre ins Hier und Jetzt retten (Bühne und Kostüme: Martin Kinzlmaier). Allein – von Ausbrechen konnte nicht die Rede sein. Und in der Zukunft ist da nichts in Aussicht. Am nächsten Morgen besteigt man noch miteinander einen Berg; jeder bereits den Blick anderswo hin gerichtet. Gaukelt sich vor, noch einmal an einem kollektiven Hochgefühl teilzuhaben. Runter fällt man alleine. Mit diesem Stück bietet die Gruppe Dekadenz erneut keine leichte Kost. Der Wiedererkennungsfaktor dürfte gegeben sein; aber ob's jedem bekommt?
Eigenproduktion: Nipple Jesus
Die Dekadenz Brixen bringt Nick Hornby's Kurzgeschichte „Nipple Jesus“ als Monolog, gesprochen von Thomas Hochkofler, auf die Bühne, und spielt damit auf die Froschaffäre im Museion an: Amüsant zwar, aber nicht durchwegs überzeugend.
von Markus Hellweger
Keine Frage: In diesem Stück geht’s eigentlich nicht um die titelgebende, aus Brustwarzen zusammengesetzte Jesuscollage, sondern um den Kippenberger-Frosch. Vor zwei Jahren störte dieser derart das moralische Empfinden gewisser Frömmler im Lande, sodass jene nicht nur einen Flächenbrand im medialen Blätterwald entfachten, sondern auch noch das Abhängen der anstößigen Amphibie erzwangen. Nun kann man sich diese Provinzposse nochmals vor Augen führen, dank einer Kurzgeschichte des britischen Kultautors Nick Hornby. Hornby's Satire auf den Kunstbetrieb und die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Kunst entpuppt sich als brauchbare Theatervorlage und wird in Monologform im deutschsprachigen Raum rauf und runter gespielt. Für die Brixner Dekadenz hat ihn die Schauspielerin und Regisseurin Ingrid Porzner entdeckt und mit der Deklamation Thomas Hochkofler betraut. Hochkofler spielt den Wachmann Dave, der seit Kurzem in einem Museum für Moderne Kunst arbeitet und aufgrund seiner bisherigen Berufserfahrung als Türsteher einen Sonderauftrag erhält: Er darf ein Kunstobjekt hüten, vor dessen Betrachtung gewarnt wird, falls dadurch bestimmte religiöse Gefühle verletzt würden oder man noch nicht die Volljährigkeit erreicht hätte. Auf dem Bild ist aus der Entfernung der gekreuzigte Jesus zu erkennen, bei genauerem Hinsehen jedoch auch das Baumaterial: Die Nippel, aus Pornoheften entnommen. Selbst Dave ist zunächst entrüstet. Nach und nach freundet er sich aber mit dem Skandalwerk an, findet dessen Schöpferin sympathisch und beginnt sich dafür zu interessieren, wie die Museumsbesucher auf das Bild reagieren. „Die glotzen einfach nur und verpissen sich wieder“, wundert er sich. Im unbedarften Dave, der bis dato noch nie ein Museum von innen gesehen hatte, findet sogar eine Identifizierung mit dem „Nipple Jesus“ statt und er versucht ihn mit allem Einsatz vor den bald anrückenden Bilderstürmern zu schützen. Bis er dann selbst zum Teil einer Installation wird und sich einfach nur – um's in Daves Worten zu sagen – „verarscht“ fühlt. Mit seiner Statur und Glatze ist Hochkofler die Rolle des Dave buchstäblich auf den Leib geschrieben. Man erwartet sich einen proletenhaften Muskelprotz, der mit Kraftausdrücken nur so um sich wirft. Aber Hochkofler beginnt überraschend zurückhaltend, ja freundlich. Kumpelhaft wendet er sich ans Publikum, ebenso nähert er sich schrittweise dem Bild an. So dauert es aber auch, bis Hochkofler die Zuschauer aus der Reserve lockt. Erst dann kommt er in Fahrt und hat schließlich die Lacher auf seiner Seite. Irritierend wirkt die Sprache. Sie pendelt zwischen gehobenem Hochdeutsch und Umgangssprache, zwischendurch wird der Dialekt und auch manch deplatziertes Fluchwort („Madonna“) eingestreut. Wär's nicht authentischer gewesen, Hochkofler ganz im Dialekt sprechen zu lassen? Trotzdem bietet „Nipple Jesus“ einen vergnüglichen Theaterabend. Köstlich, wie das Stück die elitäre Kunstwelt auf die Schippe nimmt und jeden Zuschauer sich an die Nase fassen lässt, ob er nicht selber mal irgendwelchen Mist für hohe Kunst hielt. Und endlich erfährt die „Causa Frosch“ eine Bearbeitung, wenn auch nur indirekt. Darum, werte Kulturschaffende, ran an den Frosch!
Eigenproduktion: Einmal Vorspiel - dreimal Ring
Tageszeitung: Keine Angst vor Wagner von Markus Hellweger
Die Dekadenz Brixen wirft in ihrer ersten Eigenproduktion der neuen Spielsaison „Einmal Vorspiel – dreimal Ring“ einen satirischen Blick auf Richard Wagners „Ring der Nibelungen“.
Bekanntlich reißen sich die Leute geradezu darum, im weihevoll anmutenden Festspielhaus von Bayreuth stimmgewaltigen Walküren beim Hoch- und Runterjagen der Töne zu lauschen. Gleichzeitig bietet kaum etwas anderes als das tagelang zelebrierte Pathos mehr Nährboden für eine köstliche Persiflage. An Letzterem versucht sich derzeit die Dekadenz Brixen. Erst im Frühjahr bewies die Gruppe Dekadenz mit der Jubiläumsproduktion „Net nett“ zum 30er ihr Talent für den schrägen Humor. Versuchte man damals noch möglichst viele Themen an einem Kabarettabend unterzubringen - was zu einer gewissen Überfrachtung führte -, so lässt man diesmal die ganze kreative Lust an Wagners Ring aus. Und dosiert dabei gerade richtig. Das siebenköpfige Ensemble schlüpft unter der Regie von Gabi Rothmüller (der Text stammt von Alex Riegl) in nicht weniger als 22 Rollen. Trotzdem verfängt sich der Zuschauer nicht in einem befürchteten wirren Personengeflecht und kann dem germanischen Sagenepos problemlos folgen. Die Geschichte bleibt dieselbe, man hat sie abgespeckt und ein paar Kleinigkeiten verändert, so kommt Lohengrin als eigener Opernheld im Stück vor und aus dem finsteren Hagen von Tronje wird die nicht minder heimtückische Tronja von Hagen. Der Rest besteht aus einer Fülle an Gags, skurrilen Einfällen und etwas Gesang. „O' zapft“ ist das Drachenblut, König Gunther hält eine Suppenkelle als Symbol seiner Macht in der Hand und Freia mit ihren goldenen Äpfel der Verjüngung trägt die Schleife der Apfelkönigin von Natz/Schabs. An Requisiten mangelt's nicht (die Götterburg „Walhalla“ etwa thront als Puppenhaus über dem Geschehen) und auch die vielfältigen Kostüme (Sieglinde Michaeler und Walter Garnuzzo) liefern einen eigenen Unterhaltungswert. Von den Gesangsnummern werden hauptsächlich Schlager umgetextet und so auf die Schippe genommen. Michaela Zetzlmann, Patrizia Solaro und Philipp Unterleitner legen je nach Szene gerne einen komödiantischen Scheit nach, Ingrid Maria Lechner spielt in all ihren Rollen stark, an Ingrid Porzner ist nichts auszusetzen und mit Josef Maria Lanz macht man ohnehin so gut wie immer einen Goldgriff. Der eigentliche Held des Abends ist aber der „ausgeliehene“ Bayer Hansi Anzenberger, der besonders in der Rolle des Siegfried – schauspielerisch wie gesanglich – richtig aufblüht. Der Ring im Anreiterkeller macht Spaß. Mit der Note „schwarzer Humor“ versehen, zeigt die Dekadenz, dass eine Göttersaga nicht zwangsläufig anstrengend sein muss. Und sie erfüllt das zum Jubiläum vorgegebene Motto: Zum Lachen geht’s ab in den Keller.
RAI Sender Bozen Mittagsmagazin von Christine Helfer
„Der Ring des Nibelungen“ – das Opus Magnum von Richard Wagner dauert mit seinen vier Aufführungsteilen an die 16 Stunden – im Brixner Anreiterkeller sehen Sie die Geschichte um das Rheingold und die Götterdämmerung in knapp zwei Stunden und dürfen dabei auch noch lachen. Gabi Rothmüller und Alexander Liegl, bewährte Dekadenz-Regisseure haben den Wagner-Klassiker bearbeitet:
03 Uiii, Wotaaaannn… die Götterburg“ Schrill beginnt sie, die Geschichte um die Nibelungen, aber an diesen Ton hat man sich zu gewöhnen im Laufe des Abends, akustisch und optisch wird dick aufgetragen, ist ja schließlich Oper! Regisseurin Gabi Rothmüller sieht ihren Beitrag so: OT Gabi Rothmüller Richard Wagner hat seinen Stoff aus den Germanen-Sagen, der griechischen Mythologie und dem Grals-Mythos geschöpft und insofern dürfte er gegen die Fassung in der Dekadenz wirklich nichts haben. Schließlich bleiben die Grundmotive, das Buhlen um Macht und Liebe erhalten, Gabi Rothmüller sagt das so: OT Rothmüller Der schwülstige Stoff, der erhabene Text – Kabarettisten fühlen sich geradezu herausgefordert, daraus was zu machen, und in Brixen funktionierte das wunderbar: 06 „wie soll ich, jach… …… Mit Wortwitz und köstlichen szenischen Ideen wird eine um die andere Handlung über die kleine Bühne im Anreiterkeller gejagt, die platinblonden Rheintöchter schmollen in Zwischenauftritten, Fricka und Wotan führen ihren Ehekleinkrieg und Brünnhilde tritt mit Heldenglanz tröstend zu ihrem Vater: 10 ….zu Grunde gehen… hoiotoho… …wieso denn? Die sieben Schauspieler schlüpfen in wechselnde Rollen, die opulenten Kostüme von Sieglinde Michaeler und Walter Granuzzo sprengen jeden Rahmen, sind aus schillernden Paillettenstoffen oder dicken Gummiwülsten; Die Dekadenz Schauspieler Ingrid Porzner, Patrizia Solaro, Michaela Zetzelmann, Hansi Anzenberger, Ingrid Maria Lechner, Philipp Unterleitner und vor allem Josef Lanz zeigen sämtliche Seiten ihrer parodistischen Kunst, die Eigenproduktion ist ein einziger bunter Comic. 18 Krimhild…. Ui ui!
Eigenproduktion: "Net nett"
Tageszeitung von Markus Hellweger
Spott muss sein
Die Dekadenz Brixen zeigt zu ihrem 30-jährigen Bestehen das Polit-Kabarett „Net nett“, in dem man alles andere als brav ist, es aber am Ende doch zu gut gemeint hat.
Dass es zum Jubiläum gerade ein Kabarett geben würde, lag nahe, ist doch der Fokus im Programm der Dekadenz – neben dem Jazz – auf diese humoreske Form der Kleinkunst gerichtet. Wobei vielfach Gastproduktionen aufgeführt werden; zum 30er will das Ensemble nun beweisen, was es selber drauf hat. Im Titel der Eigenproduktion „Net nett“ steckt die Devise, nicht nett sein zu wollen. Ein berechtigter Vorsatz für ein Kabarett, klingt aber ein wenig gezwungen. Und so hält es auch nur streckenweise, was es verspricht. Überhaupt hat man viel reingepackt und sich damit letztendlich etwas übernommen. Dennoch blitzt in manchen Szenen beißende Satire vom Feinsten auf: Gemäß der Parität kriegen alle (zumindest deutschsprachigen) Parteien ihr Fett weg (besonders gelungen in der Szene, wo Peter Schorn als SVP-Parteiobmann in einem Kauderwelsch aus Dialekt und Hochdeutsch nach Kandidaten für die Gemeinderatswahlen fischt), nimmt man Südtirol-Alltägliches auf’s Korn (von der Doppelsprachigkeit bis zur Doppelstaatsbürgerschaft), schreckt nicht vor dem Geschäftssinn des Tagblatts samt Verlag zurück und wagt sich auch ans Missbrauchsthema (Andreas Zingerle singt doch tatsächlich in Pfarrerskluft „I Can’t Get No Satisfaction“!). Unter der Regie von Ruth-Claire Lederle (die Texte stammen vom Ensemble selbst, für die passende Musik sorgt Matteo Facchin am Akkordeon) erfahren alle Schauspieler ihre Glanzmomente: Ingrid Porzner wirbt als Grünenkandidatin mit einem afrikanischen Tanz (dabei ist sie auch im wirklichen Leben auf der Grünen-Liste), Patrizia Solaro greift als blauer Pius-Wolf nach Durnis voll gefressenen Lämmern, und Susan La Dez’ Repertoire reicht vom verzogenen Girlie bis zur arroganten Wiener Burgschauspielerin. Zum Brüllen komisch ist’s, wenn Schorn ein bedrohliches Szenario von der vermeintlichen italienischen Unterwanderung beschwört („Alle 11 Sekunden verletzt sich ein friedlich spielendes Kind am Stacheldrahtzaun einer Kaserne der Besatzungsmacht.“). Ein weiteres Highlight ist die All-Star-Band, die u. a. aus „Wildfang“ und den „Kastelruther Meisen“ zusammengesetzt wird, um auf dem deutschen Musikmarkt abzusahnen. Ihre Mitglieder sind in einer TV-Show recht unbeholfen, würde ihnen nicht die Managerin (Solaro) die verkaufstauglichen Antworten einflüstern. Da ist der grimmige „Wild-Fang“-Vertreter (Schorn) bemüht, kein falsches Wort über seine undurchsichtige Vergangenheit zu verlieren, und darf der Meisenmann (Josef Maria Lanz) nicht nur über Liebe singen, aber einen ordentlichen Juchzer unterbringen. Doch nicht alles funktioniert so gut. Manche Szene bleibt zu angedeutet (das Muttersöhnchen als Racheengel auf dem Klo), anderes erscheint überflüssig (die Hasen-Gesangsnummer). Auch einiger Klischees bedient man sich (besser Männer in die Politik wählen, die denken linear und quasseln nicht). Eine Rahmenhandlung hätte nicht geschadet, doch die Burgschauspielerin, die immer wieder über die Bühne huscht und nach dem Anreiterkeller fragt, verschwindet am Ende ergebnislos. So erinnert der Abend an eine Faschingsrevue, an dem phasenweise herzhaft gelacht werden darf und schon mal kräftig ausgeteilt wird, aber dann beginnt man als Zuschauer auf dem Stuhl hin- und herzurutschen, weil’s einfach zu lang dauert und sich der Witz über die Zeit nicht aufrechterhalten lässt.
BT: Ingrid Porzner, Susan La Dez, Andreas Zingerle, Matteo Facchin, Peter Schorn, Josef Maria Lanz und Patrizia Solaro: Überzeugen als Verschmelzung von „Wild-Fang” und „Kastelruther Meisen“
FF das Südtiroler Wochenmagazin Alexandra Aschbacher
Lustig lustig Zum 30-jährigen Jubiläum versucht sich die Dekadenz Brixen an einem politischen Kabarett. Vergisst aber streckenweise die Schärfe.
Das politische Kabarett hat einen schweren Stand. Und das nicht nur, weil es mittlerweile auf eine mehr als hundertjährige Tradition verweisen kann. Es hat im Grunde genommen tausend Formen, jeder macht es anders. Die eine Frage bleibt aber immer dieselbe: Folgt das Publikum dem Kabarett oder beugt sich dieses dem Geschmack des Publikums? Nun, die Brixner Dekadenz hat ihr 30-jähriges Jubiläum an eben dieser Frage festgemacht. Die Antwort darauf erhält man prompt am Anfang des Stückes von den Spielern selbst präsentiert."Hauptsache ein lustiges Stück", heißt es da. Kein Frosch-Witz, nichts über den toten Bischof, vielleicht einen netten Durnwalder-Witz."Ach, die Theater hier sind doch alle so provinziell." Die Ankündigung bleibt dem Stück dann auch nichts schuldig. Was politisches Kabarett im Normalfall auszeichnet, lässt die Eigenproduktion "Net nett" (Regie Ruth-Claire Lederle) streckenweise vermissen: Schärfe, Wortgewalt und Schlagfertigkeit. Da werden zwar alle möglichen Südtiroler Alltäglichkeiten in die Mangel genommen. Manche Szenen jedoch wirken unausgereift und deshalb deplatziert, andere überflüssig. Oder wozu braucht es nach knapp zwei Stunden Aufführung noch eine Hasen-Gesangsnummer? Auch die Szenen eines alten Tiroler Ehepaares bei der Eheberatung oder jene über die Spendengelder, die via Reisebüro sonstwohin verscherbelt werden, sind zwar recht lustig, ersticken bald aber schon am eigenen Witz. Ab und zu spürt man doch etwas von einem Ansatz bissige Satire. Dann etwa, wenn Peter Schorn die Gefahr der italienischen Invasion heraufbeschwört, Patrizia Solaro als Wolf Pius sich an Durnis fettgefressene Schafe heranmacht oder Andreas Zingerle als Pfarrer "I Can`t Get No Satisfaction" zum Besten gibt. Dem Publikum scheint´s zu gefallen. Es schmunzelt, manchmal lacht es gar herzhaft. Seinen Geschmack hat man wohl getroffen.
Zett Michaela Engl
Wie der Schnabel gewachsen ist Die Dekadenz in Brixen wird 30 und lässt es krachen. Zurückhaltung – Fehlanzeige. Im Anreiterkeller konfrontiert sie das Publikum mit den nackten Tatsachen des Landes und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Brixen – Wenn die Minderheitenmännchen in den Gesteinsbrocken schon mal über sich selbst nörgeln, dann aber richtig. Susan La Dez, Josef Maria Lanz, Ingrid Porzner, Peter Schorn, Patrizia Solaro und Andreas Zingerle präsentieren unter der Regie von Ruth Claire Lederle und mit Musik von Matteo Facchin die Eigenproduktion "Net Nett. Wir gehen zum Lachen in den Keller". Dabei werden aktuelle Themen szenenweise kritisch hinterfragt und mit viel Witz und Humor und einer Prise Ernst aufgearbeitet und in Schriftsprache und Dialekt abwechslungsreich dargeboten. Und da Südtirol ja bekanntlich zu Italien gehört, dürfen auch ein paar Brocken italienisch nicht fehlen. Der musikalische Part auf dem Akkordeon, der vom Tango über Popmusik und Schlafliedchen bis hin zu heimatlichen Klängen reicht, sorgt für zusätzliche Auflockerung und die Schauspieler stellen auch ihr tänzerisches und gesangliches Talent unter Beweis. Ein rundum gelungenes Gesamtpaket – auch wenn man vielleicht nicht gerade bei jeder Szene gleich dahinterkommt, wer gerade sein Fett weg bekommt. Wenn der Luis seine fetten Schäfchen zählt, der Priester "I can`t get no satisfaction" singt, die Privatspende doch lieber nur einen Brief schreibt, da sie ja doch nicht als Ganzes am Zielort ankommt, wenn Mohammed mit rotem Käppchen als Nikolaus von morgen gehandelt wird, wenn über Frösche, Korruption und Heimatliebe gesprochen wird und Zweisprachigkeitsprüfung, Rauchverbot und Doppelstaatsbürgerschaft thematisiert werden – dann kommt Kabarettstimmung auf. Auch der Dank, für jeden neuen Morgen und all die kleinen und großen Dinge, die unser Landl ausmachen, darf nicht fehlen – ohne sie hätten die Südtiroler dieser Tage wohl um einiges weniger zu lachen…
Eigenproduktion: "Der gott des Gemetzels"
FF Südtiroler Wochenmagazin Alexandra Aschbacher
"Der Gott des Gemetzels" und die Folgen des "zivisierten Umgangs" Ferdinand hat Bruno mit einem Stock zwei Zähne ausgeschlagen. Nun treffen sich die Eltern, um über die Konsequenzen für die beiden Elfjährigen zu sprechen. Das Stück beginnt mit dem Abfassen einer gemeinsamen Erklärung. Man ist fest entschlossen, die Sache „liberal“ aus der Welt zu schaffen. Eine simple Situation mit nur vier Beteiligten, knappe Sätze, die jedoch sitzen wie Faustschläge. Die Bühne (Martin Kinzlmaier) ist reduziert auf das Nötigste: vier Sitzmöbel, ein Tisch, ein Stapel Kunstbücher und eine Vase mit einem Strauß roter Tulpen. Es beginnt mit kleinen Sticheleien und endet in einem Gemetzel. Am Ende tut der Rum sein Übriges, um die Grenzen des „zivilisierten Umgangs“ aufzuheben. Nach und nach werden die Schrullen der Figuren ausgepackt. Wenn etwa Günther Götsch als Anwalt Reichel immer wieder nach seinem Handy fingert und seine, von Margot Mayrhofer gespielte Gattin Annette sich schließlich ohne Ende übergeben muss. Oder wie Christina Khuen als „Vero“ Bühler von ihrem Engagement für die Opfer des Völkermordes in Darfur erzählt oder ihr Mann die Story (Winfried Gropper) über den Hamster auspackt, denn er in der Nacht zuvor auf der Staße ausgesetzt hatte. So folgt Lacher auf Lacher. „Der Gott des Gemetzels“ ist eine brillante Wort-Schlacht zwischen zwei Paaren. Es ist komisch, den Paaren bei der Entblößung ihrer Doppelmoral zuzusehen – und macht gleichzeitig betroffen. Ein unterhaltsame Komödie, die Fabian Kametz gekonnt ins Szene setzt. Das Stück als Spiegel der Gesellschaft. Aber ob die Wucht der Komik solche Überlegungen zulässt?
Tageszeitung. von Markus Hellweger
Abgeschwächtes Schlachtfest.
Die „Gruppe Dekadenz“ Brixen zeigt „Der Gott des Gemetzels“ von Yasmina Reza in der Inszenierung von Fabian Kametz – und hat dabei die Messer nicht immer gewetzt.
von Markus Hellweger
Nach dem Besuch des Stücks muss man sich ernsthaft fragen: Macht irgendeine gesellschaftliche Form des Zusammenlebens Sinn? Denn, so die Botschaft, herrscht über allem der „Gott des Gemetzels“; bröckelt bald die Fassade der Zivilisation, wenn man nur etwas an ihr kratzt; denn im Menschen sitzt das Tier, das heraus will, und dem anderen leicht zum Feind gerät. Die „Gruppe Dekadenz“ zeigt nach „Kunst“ eine weitere „Komödie“ von Yasmina Reza. Wobei der Begriff „Komödie“ hier weniger im Sinne von „Belustigung“ verstanden werden darf, sondern vielmehr als „Staunen“ über die Abgründe, welche sich im Menschen auftun können. Dafür sorgen auf der Bühne zwei Ehepaare, die Reichels und die Bühlers, die zusammenkommen, um über einen Streit ihrer beiden elfjährigen Söhne zu sprechen. Bühlers Bruno hat dem Ferdinand der Reichels zwei Zähne ausgeschlagen, die Eltern wollen nun die Sache versöhnlich ins Reine bringen. Was jedoch nicht gelingen will, weil im Laufe der Aussprache wunde Punkte der Akteure ans Licht kommen und Argumente nicht mehr ausreichen. In ihrem schick, gleichzeitig schlicht und stimmig eingerichteten Apartment empfangen die sich offen gebenden Bühlers die gut situierten Reichels. Veronika Bühler (Christina Khuen) ist eine moderne, engagierte Frau, die an einem Buch über den Darfur-Konflikt schreibt. Ein Gutmensch, der jedoch in angespannter Situation schnell in Rage gerät. Ihr Mann Michael (Winfried Gropper) arbeitet im Eisengroßenwarenhandel, leidet aber deswegen an einem Minderwertigkeitskomplex. Armin Reichel (Günther Götsch) ist ein erfolgreicher Jurist, der dauernd an seinem Handy hängt, um den Skandal eines Pharmazie-Konzerns zu vertuschen. Seine Frau, die Vermögensberaterin Annette (Margot Mayrhofer), fühlt sich von ihm vernachlässigt. Zunächst verläuft das Gespräch zur Zufriedenheit aller. Man steht vor einer friedvollen Übereinkunft und auch die beiden zankenden Söhne sollen zusammengeführt werden, um einander zu vergeben. Doch nach und nach treten die Konflikte zwischen den jeweiligen Eheleuten hervor. Man wirft sich Aufgestautes an den Kopf, wechselnd solidarisiert sich ein Ehepartner mit jemandem aus dem anderen Paar. Schließlich steht jeder alleine auf einem offenen Schlachtfeld dar, wo jegliche Contenance verloren gegangen ist. Fabian Kametz baut in seiner Inszenierung auf die kathartische Funktion des Theaters. Das Verdrängte verbirgt sich nur unter einer dünnen Schicht, dringt unweigerlich empor und ist schmerzhaft. Doch vollziehen sich diese Übergänge im Stück oft allzu schnell. Im einen Moment sitzen die Eheleute noch friedfertig beieinander, im nächsten braust einer von ihnen plötzlich auf. So, dass sich das Lachen kaum zurückhalten lässt. Die Frage bleibt offen, ob das immer beabsichtigt ist. Was fehlt, ist die Spannung, die aufgebaut wird und eine Eskalation von Aggressionen wirklich unausweichlich erscheinen lässt. Allein Günther Götsch spielt derart souverän, dass er fließend von einer Stimmungslage in die nächste wechselt. Reizvoll ist das Stück für den Zuschauer, indem manche Szenen nochmals gespielt werden, mit einer neuen Wendung, die nicht unbedingt vorhersehbar ist. Dennoch läuft das ganze Geschehen auf das unabdingbare Gemetzel hinaus. Tröstend dabei ist, dass die Theaterbühne anstelle der Realität für das „Schlachten“ herhält und es selbst dort Modifikationen geben kann, sodass nicht alles zwangsläufig im Blutbad enden muss – wie auch im Stück angedeutet wird.
RAI Mittagsmagazin Christine Helfer
Anmod Der Name Yasmina Reza steht für fein austarierte Dialogstücke die stets den wundesten Punkt der Bühnenkontrahenten treffen. Berühmt geworden ist die französische Autorin mit dem Stück „Kunst“ – jetzt spielt man im Anreiterkeller Brixen das Stück „Der Gott des Gemetzels“, ein Schauspiel für vier Darsteller in der Regie von Fabian Kametz. Christine Helfer:
Es geht um eine Pausenhofschlägerei zwischen zwei elfjährigen Buben: Zwei Vorderzähne gingen dabei drauf. Wie es sich gehört, setzen sich die Eltern zusammen, das Ehepaar Reichelt kommt bei Ehepaar Bühler vorbei, man macht Konversation, lächelt und nickt, ist total verständnisvoll: 09 „ich weiß nicht… …Ihnen gefällt das Wort nicht… Ups, da läuft der Ton bereits leicht aus dem Ruder, hinter den wohlerzogenen Worten lauert jeder in gespannter Wartestellung, das eigene zu verteidigen und den anderen zu denunzieren. In der Inszenierung von Fabian Kametz schraubt sich die Spirale aus Anfeindungen und versteckten Aggressionen beharrlich in die Höhe: 12 „mein Sohn hat…. …nein das tun Sie nicht…. Wo die Sätze entgleisen, die Dialoge hitziger werden, ist es gut – für die Struktur der Komödie gut – kleine Dämpfer und Deviationen einzubauen. Der Clafouti, ein Kuchen den die Hausfrau mit verschämtem Stolz präsentiert oder die absolut unpassenden Dauertelefonate des Prügelknabenvaters. Yasmina Reza weiß wie man Reaktionen provoziert, beim Publikum und natürlich bei ihren Figuren: 14 „wie gesagt, ich verkaufe…. ….sehr kompetent… Hier liefern sich die beiden Herren einen Schlagabtausch, Günther Götsch als der blasiert auftretende Rechtsanwalt und Winfried Gropper einer der betont lässig über allem steht. Regisseur Kametz hat in dieser Szene wie auch bei drei, vier anderen zu einem zusätzlichen Kniff gegriffen: er lässt die Szenen zweimal spielen, beim erstenmal steigert sich die verbale zur handgreiflichen Gewalt, im zweiten Ablauf bleiben die Spieler in Deckung. Das funktioniert zu Beginn des Stückes recht gut, zum Schluss hin, als dann wirklich die Fetzen fliegen zwischen den vieren, ist dieser Trick nicht mehr nötig. Aber schöne Idee. Es solidarisieren sich nicht nur die Herren im Stück, alle vier schließen kurzzeitige Allianzen untereinander und alle vier erleiden ihr ganz persönliches Waterloo: 22 „…. …und völlig alleine da….man ist immer allein… Christina Khuen ist eine fantastische Gutmenschenfrau, mit stirnrunzelndem Dauerlächeln versucht sie alle auf Linie zu halten, allein auch sie fällt der bröckelnden Zivilisationsschicht und dem Rum zum Opfer. Margot Mayrhofer hingegen könnte in ihrer unterkühlten Eleganz einen Tick fertiger wirken, auch zynischer, schließlich ist sie es die sich die Fasson aus dem Leibe kotzt. Das Stück „Der Gott des Gemetzels“ im Anreiterkeller wird so gespielt wie es gebaut ist: treffsicher und eloquent, ein Genuss.
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